Praxistest · Stand: 30. August 2026
Eigenbau im Härtetest: meine Inventur-App für den Einzelhandel
Volle Transparenz vorweg: Diese App habe ich selbst gebaut. Sie entstand, weil Inventur im Filialalltag so aussieht: Klemmbrett, Zettel, Kopfrechnen, abtippen. Meine Antwort darauf läuft seit Monaten unter inventur.vanheek.biz — und für diesen Artikel habe ich sie so getestet, wie ich sonst fremde Produkte teste: mit dem öffentlichen Demozugang, auf dem Handy-Format und mit der ausdrücklichen Absicht, Fehler zu finden. Es wurden zwei. Dazu später.
Das Prinzip: Jede Filiale meldet sich mit ihrer Filialnummer an
und zählt ihre Bereiche — Kasse, Lager, Regalzeile — direkt am
Smartphone. Die Verwaltung sieht alle Ergebnisse zentral und
bekommt fertige PDF-Listen. Wer es ausprobieren möchte:
Benutzername 0001, Passwort 0815Test —
eine Spielwiesen-Filiale namens „Musterstadt".
Zählen mit dem, was da ist
Das Herzstück ist die Erfassung: Barcode vor die Handykamera, kurz ruhig halten — bei einem Treffer piept es, und erst dann öffnet sich das Speichern-Fenster. Bewusst kein Dauerscan, damit nicht versehentlich das halbe Regal doppelt im System landet. Wer schneller sein will, stellt im Menü auf Bluetooth-Scanner um — die App unterstützt beides, pro Nutzer merkbar. Und wenn Kamera wie Scanner streiken, gibt es die manuelle Eingabe mit EAN, Artikeltext, Preis, optionalem Mindesthaltbarkeitsdatum und Menge.
Die Alltagsdetails stimmen: Wird dieselbe EAN doppelt erfasst, werden die Mengen zusammengeführt statt dupliziert. „Stück dazu" erhöht eine Position, ohne dass jemand Kopfrechnen muss. Bereiche lassen sich aus Vorschlägen anlegen, umbenennen, als PDF exportieren — einzeln oder die komplette Inventur.
Die Hilfe, die nicht schwindelt
Mein Lieblingsdetail ist der „Inventur-Assistent (KI… so ähnlich)" auf der Hilfeseite: ein Chat, der ausdrücklich dazusagt, dass er nur Stichpunkte aus der Anleitung heraussucht, nichts erfindet und keine externen KI-Dienste aufruft. In Zeiten, in denen jedes zweite Produkt „KI-powered" ruft, ist diese Untertreibung fast schon Satire — und für eine Filial-App genau richtig: Antworten müssen stimmen, nicht beeindrucken.
Was der Selbsttest gefunden hat
Ein Praxistest ohne Befunde wäre keiner — auch nicht beim eigenen Produkt. Erstens: Wer im Preisfeld „1,29" mit Komma eintippte, bekam 1,00 € gespeichert — das deutsche Komma wurde abgeschnitten, mit Punkt („1.29") stimmte alles. Für eine deutsche Filial-App ein echter Patzer. Zweitens: Die Demo-Zugangsdaten, die auf meiner Startseite standen, waren veraltet — Besucher liefen ins Leere. Beides fiel erst auf, weil jemand die App wie ein Fremder bedient hat. Die Lehre daraus ist älter als jede Software: Den eigenen Anmeldeweg testet man nie, weil man ihn nie geht.
Unter der Haube, ehrlich eingeordnet
Technisch ist das kein Framework-Schwergewicht, sondern ein schlankes, selbst geschriebenes PHP-Gerüst mit sauberer Trennung, CSRF-Schutz, Migrationen und einem eingebauten Update-Mechanismus — es läuft auf gewöhnlichem Shared Hosting. Genau darin liegt der Punkt dieses Artikels: Eine brauchbare Fachanwendung für einen echten Arbeitsalltag braucht keinen Cloud-Konzern. Sie braucht jemanden, der den Alltag kennt, ein Wochenende Geduld — und danach Nutzer, die gnadenlos ehrlich zurückmelden, wo es klemmt.
Fazit
Als Beteiligter bin ich befangen, also bleibe ich bei den überprüfbaren Fakten: Die App zählt zuverlässig, läuft auf jedem Filial-Smartphone, exportiert saubere PDFs — und der Demozugang steht offen, damit sich jeder sein eigenes Urteil bilden kann. Zwei gefundene Schwächen stehen öffentlich in diesem Artikel — und beide waren beim Erscheinen bereits behoben, der Komma-Bug noch am Testtag samt Kontrollmessung („2,49" → 2,49 €). Mehr Ehrlichkeit bekomme ich in einen Test des eigenen Produkts nicht hinein.